Gefangen im digitalen Hamsterrad?
Wie junge Menschen kritisches Denken und digitales Wohlbefinden erleben
Annalena Demond, Murat Kaplan, jennifer Oepen & Samuel Sprünken (Studierende der Hochschule Bochum)
Einblicke und praxisnahe Handlungsansätze aus einem Workshop mit jungen Bürgergeldempfänger:innen unter 25 Jahren
24.04.2026
Die fortschreitende Digitalisierung prägt unseren Alltag, unsere Informationsbeschaffung und unsere gesundheitsbezogenen Entscheidungen massiv. Das eröffnet große Potenziale, wie die Entstehung neuer zentraler Informationsquellen und Raum für zielgruppenspezifische Gesundheitskommunikation, birgt jedoch auch Risiken wie Informationsüberflutung und psychische Belastung¹. Besonders für junge Bürgergeldempfänger:innen unter 25 Jahren, die sich in einer vulnerablen Übergangsphase voller struktureller und psychosozialer Herausforderungen befinden, ist ein kompetenter Umgang mit digitalen Medien essenziell.
Problemstellung und Forschungsfrage:
Vor diesem Hintergrund gewinnt die digitale Gesundheitskompetenz an zentraler Bedeutung.
Bisherige Forschung² zeigt, dass sowohl kritisches Denken als auch digitales Wohlbefinden zentrale Bausteine für die Förderung digitaler Gesundheitskompetenz darstellen. Unklar ist jedoch, wie beide Konzepte, insbesondere aus der Perspektive der Zielgruppe selbst, konkret zusammenwirken.
Unsere forschungsleitende Fragestellung lautet daher:
Wie hängen digitales Wohlbefinden und kritisches Denken bei jungen Bürgergeldempfänger:innen unter 25 zusammen – und welche Bedarfe ergeben sich daraus für praxisnahe Angebote?
Ziel war es nicht nur theoretische Annahmen zu überprüfen, sondern konkrete Ansatzpunkte für Programme der Arbeits- und Gesundheitsförderung (z. B. Jugendberufshilfe) abzuleiten.
Kurz definiert: Die zentralen Begriffe
Um diese Fragen zu beantworten, müssen zwei Kernbausteine der digitalen Gesundheitskompetenz betrachtet werden:
- Kritisches Denken: Die Fähigkeit, Informationen gezielt zu hinterfragen, komplexe Sachverhalte zu analysieren und ein reflektiertes, adäquates Urteil zu fällen³.
- Digitales Wohlbefinden: Das subjektive emotionale Spektrum und die empfundene Balance aus den Vor- und Nachteilen der eigenen digitalen Mediennutzung⁴.
Unser Vorgehen: Den Dialog suchen
Um die Perspektive der Zielgruppe zu erfassen, haben wir ein qualitatives, exploratives Forschungsdesign gewählt. Im Mittelpunkt stand ein moderierter Workshop, der in Kooperation mit der Jugendberufshilfe (JBH) Düsseldorf mit zehn jungen Bürgergeldempfänger:innen durchgeführt wurde. Die Teilnehmenden entwickelten eigene Begriffsverständnisse, diskutierten Zusammenhänge und reflektierten ihre Erfahrungen. Die
erhobenen Daten wurden im Anschluss mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse systematisch ausgewertet.
Der Fokus lag bewusst auf der subjektiven Perspektive der Zielgruppe und nicht auf vorgegebenen theoretischen Definitionen.
Der Workshop: Von der individuellen Sicht zur Gruppendiskussion
Der Workshop war interaktiv und dialogisch aufgebaut. Nach einem Einstieg mittels Bildkarten, bei dem die Teilnehmenden ihr aktuelles Gefühl zur Social-Media-Nutzung reflektierten, näherte sich die Gruppe den Begriffen zunächst individuell und schriftlich an. In einer intensiven Plenumsdiskussion wurden diese Begriffsverständnisse anschließend gesammelt. Im nächsten Schritt strukturierten die Teilnehmenden die gesammelten Aspekte und bildeten thematische Cluster. Den Abschluss bildete eine vertiefende Diskussion über Lösungsansätze und Handlungsperspektiven für einen gesünderen digitalen Alltag.
Spannende Ergebnisse: Kritisches Denken als emotionale Belastung
Die Ergebnisse zeigen ein hochinteressantes, ambivalentes Bild: Einerseits verstehen die jungen Menschen kritisches Denken als notwenige Fähigkeit und Schutzmechanismus, um Falschinformationen, Manipulationen und verzerrte Darstellungen im Netz zu erkennen. Gleichzeitig wird es oft als anstrengend, verunsichernd und emotional belastend (“Negativität”) erlebt. Übermäßiges kritisches Denken wird von der Zielgruppe sogar mit Cybermobbing, depressiven Tendenzen und dem schmerzhaften Verlassen der eigenen Komfortzone in Verbindung gebracht. Es wird als eine sehr negative Sicht auf sich selbst aber auch auf andere verstanden, welche die zuvor genannten Herausforderungen begünstigen könne.
Digitales Wohlbefinden wurde von den Teilnehmenden vor allem als subjektives Gefühl im Umgang mit digitalen Medien beschrieben. Zentral ist dabei ein bewusstes und reflektiertes Nutzungsverhalten, das sowohl als Voraussetzung als auch als Ergebnis digitalen Wohlbefindens verstanden wird. Auffällig ist, dass digitales Wohlbefinden nicht positiv definiert wird, sondern über die Vermeidung negativer Erfahrungen wie Überforderung, algorithmische Steuerung, Dauerbeschallung und Glücksspielmechaniken auf den Plattformen. Diese Dynamiken werden von den Teilnehmenden häufig im Bild eines „Hamsterrads“ zusammengefasst, das für eine als belastend wahrgenommene digitale Nutzung steht. Gleichzeitig wird digitales Wohlbefinden eng mit der psychischen Gesundheit verknüpft. Als förderlich gelten insbesondere die Fähigkeit zur bewussten Mediennutzung, das Einlegen von Pausen sowie Ausgleichsaktivitäten außerhalb digitaler Kontexte.
In den Diskussionen zeigte sich deutlich, wie stark die Jugendlichen die Verantwortung internalisieren: Obwohl sie die manipulativen Systeme der Plattformen erkennen, sehen sie die Lösung fast ausschließlich in der individuellen Willenskraft und Selbstregulation.
Diskussion: Vom Wissen zum emotionalen Support
Aus diesen Erkenntnissen wird deutlich, dass rein kognitive Wissensvermittlung nicht ausreicht. Kritisches Denken darf nicht nur als intellektuelle Fähigkeit vermittelt werden, sondern muss als emotional herausfordernder Prozess begleitet werden. Es braucht eine frühzeitige, lebensweltnahe Aufklärung, die den Umgang mit Verunsicherung normalisiert und die Selbstregulationskompetenzen stärkt, ohne die Jugendlichen mit der alleinigen Verantwortung zu überlasten.
Impulse für die Praxis: Gesundheits- und Arbeitsförderung
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass digitale Medien nicht nur ein Alltagsphänomen sind, sondern direkten Einfluss auf die berufliche Handlungsfähigkeit junger Menschen haben. Besonders für Programme wie teamw()rk für Gesundheit und Arbeit und Träger der Arbeitsförderung wie die Jugendberufshilfe (JBH) ergeben sich daraus entscheidende Handlungsansätze. Digitale Belastungsfaktoren dürfen nicht isoliert, sondern müssen im Kontext beruflicher Handlungsfähigkeit betrachtet werden. Empfundene Aspekte, wie Ablenkung, emotionale Erschöpfung, digitale Dauerbeschallung (Gefühl des „Hamsterrads“)
und der Vergleichsdruck wirken sich direkt auf die Motivation, die Konzentrationsfähigkeit und den Selbstwert der jungen Erwachsenen aus – Faktoren, die für eine erfolgreiche Ausbildungs- oder Jobsuche elementar sind.
Konkrete Ansatzpunkte für die Praxis
- Integration in Bewerbungstrainings: Das Erkennen von unseriösen Online-Stellenangeboten oder falschen Weiterbildungsversprechen sollte als Teil der digitalen Informationskompetenz aktiv in Beratungssituationen geübt werden. Auch Unsicherheiten im Umgang mit KI-generierten Inhalte deuten darauf hin, dass digitale Informationskompetenz auch im Kontext von Arbeit und Gesundheit weiterhin gestärkt werden muss.
- Entlastung durch Aufklärung: Indem Berater:innen und Sozialpädagog:innen in der JBH die Funktionsweisen algorithmischer Empfehlungssysteme (Das
Hamsterrad) transparent machen, kann individueller Druck von den Jugendlichen genommen werden. Sie erkennen: Es liegt nicht nur an meiner mangelnden Willenskraft. - Umgang mit digitalem Stress: In Maßnahmen zur Berufsorientierung und Alltagsstrukturierung sollten Module zur Analyse und Reflexion digitaler Ablenkungsmuster und weiteren digitalen Belastungsfaktoren integriert werden, um die psychosoziale Stabilität zu fördern.
- Moderierter Austausch: Bestehende Gruppenformate in der JBH bieten den perfekten Rahmen, um digitale Erfahrungen kollektiv und auf Augenhöhe zu reflektieren. Der Workshop zeigt, dass solche Austauschprozesse helfen, Ambivalenzen zu verstehen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Fazit
Die Förderung digitaler Gesundheitskompetenz bei jungen Bürgergeldempfänger:innen erfordert einen ganzheitlichen, ressourcenorientierten Ansatz. Es braucht dialogische und praxisnahe Formate, die algorithmische Funktionsweisen transparent machen, emotionale Belastungen im Umgang mit digitalen Medien berücksichtigen und konkrete Strategien für den Alltag trainieren.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass digitales Wohlbefinden und kritisches Denken aus Sicht der Zielgruppe eng miteinander verknüpft sind – allerdings in einer ambivalenten Weise. Für die Praxis bedeutet das: Die Förderung digitaler Gesundheitskompetenz darf sich nicht auf die Vermittlung von Wissen beschränken. Kritisches Denken und digitalen Wohlbefinden sind nicht nur kognitive, sondern auch emotionale Herausforderungen, die aktiv begleitet werden sollten.
(Einschränkend ist anzumerken, dass diese Untersuchung auf einem explorativen Forschungsdesign mit zehn Teilnehmenden basiert und somit erste wertvolle, aber nicht repräsentative Einblicke liefert, die durch weitere Forschung vertieft werden sollten.)
1: Taba, M. u. a. (2022) „Adolescents’ self-efficacy and digital health literacy: a cross-sectional mixed methods study“, BMC Public Health, 22(1), S. 1223. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1186/s12889-022–13599‑7.
Ban, S., Kim, Y. und Seomun, G. (2024) „Digital health literacy: A concept analysis“, DIGITAL HEALTH, 10, S. 20552076241287894. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1177/20552076241287894.
2: Liebig, J. (2025) „Ansatzpunkte zur Förderung digitaler Gesundheitskompetenz bei Bürgergeldempfänger*innen unter 25“.
3: Geng, F. (2014) „An Content Analysis of the Definition of Critical Thinking“, Asian Social Science, 10(19), S. p124. Verfügbar unter: https://doi.org/10.5539/ass.v10n19p124.
4: Vanden Abeele, M.M.P. (2021) „Digital Wellbeing as a Dynamic Construct“, Communication Theory, 31(4), S. 932–955. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1093/ct/qtaa024.
Büchi, M. (2024) „Digital well-being theory and research“, New Media & Society, 26(1), S. 172–189. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1177/14614448211056851.